Alpinklettern im Tannheimer Tal – ein subjektiver Rückblick

Als moderne Nomadin (immer der Finanzierung des Hobbies hinterher) verschlug es mich vor einiger Zeit nach Erfurt. Der Name der Kletterhalle „Nordwand“ und der Sektion des Alpenvereins „Erfurt Alpin“ ließen mein Herz direkt höher schlagen. Hier interessiert man sich scheinbar wirklich für die alpine Welt. Geil!

Nachdem ich abgecheckt hatte, was die Erfurter*innen hier so treiben, schloss ich mich kurzerhand der Gemeinschaftsfahrt ins Tannheimer Tal zum Alpinklettern an.

Mit von der Partie waren: Chris, Reiner, Andrea, Maren, Corvin, Noah, Hans, Elvira, Sven, Beate, Katrin, Roland, Christoph und ich.

Das ich die einzige Mittzwanzigerin war, störte mich nicht weiter. Dennoch frage ich mich: wo sind sie denn, die bergliebenden Menschen in meinem Alter. Puh…womöglich näher an den Alpen. Denn wie wir alle wissen, liegt Erfurt ein paar Autostunden und Staus entfernt, von dem Ort an den sich das Herz eines jeden Menschen mit Bergaffinität sehnt.

Stau, Aufstieg und Holunderschorle

Am Freitag den 30. September starteten wir alle nach der Arbeit bzw. Schule Richtung Österreich. Nach seeeehr viel Stau und einigen Pinkelpausen erreichten wir staffelweise den Talort Nesselwängle, verfrachteten unsere Rucksäcke in die Seilbahn und konnten im Dunkeln einen sportlichen Aufstieg zum Gimpelhaus (1659 m) hinlegen. Gegen 21 Uhr waren alle auf der Hütte angekommen. Bei Holunderschorle und Bier besprachen wir den anstehenden Tag und teilten uns in Seilschaften auf. Mindestens eine Person, die vorsteigen möchte und zwei Personen, die nachsteigen. Check! Noch ein letztes Getränk und dann ab ins Bett! Noah, Hans und ich schliefen im Lager, während alle anderen die Luxusvariante in Anspruch nahmen und sich zwei Zimmer teilten.

„Hüttengrat“, „Zeit zum Fädeln“, „Paradies“ und „Wirklich oben bist du nie“

Am Samstag machten wir uns nach dem Frühstück auf dem Weg zu den Felsen. Wir kletterten alle den einfachen, aber sehr schönen Hüttengrat (4-). Einfaches Gelände und ständig Bohrhaken vor meiner Nase: perfekt für die erste Kletterei des Tages! Noch recht neu beim Alpinklettern, aber mit den gängigen Sicherungsmethoden und dem Standplatzbau vertraut, führte ich eine Mädelsseilschaft an. Frauenpower pur! Nach etwas Stau am Einstieg, wir waren immerhin eine große Gruppe, konnten wir dann endlich dem sehnsüchtig erwarteten Klettergenuss frönen und bahnten uns locker flockig den Weg nach oben. Auschecken, Klettern, Klippen und irgendwann mal einen Standplatz bauen. Es ist wunderbar nichts zu hören, außer den Wind, den eigenen Atem und das Klippen der Exen!

Irgendwann, auf dem Weg nach oben, traf ich auf ein Pärchen, ER stieg vor, SIE stieg nach…eine Konstellation die sich oft beobachten lässt, insbesondere bei Pärchen. Nachdem ich den Stand überklettert hatte an dem der Hüttengrat und die Route, die die beiden kletterten zusammenliefen, meinte ER, dass ich ihn rufen könne, sollte ich Hilfe brauchen. Ich habe mich darüber gewundert und, um ehrlich zu sein, auch etwas geärgert. Gehören Frauen, die selbstständig eine Seilschaft anführen nicht schon zum normalen Bild in den Bergen?

Wir ließen die beiden hinter uns, genossen die letzten Seillängen im Kalk des Hüttengrates. Oben angekommen waren wir alle stolz wie Bolle und wollten mehr.

Am Gipfel teilte sich die Gruppe auf. Zwei der drei jüngsten im Bunde, Hans und Noah, nahmen sich die Route „Wirklich oben bist du nie“ (6+) vor. Elvira, Sven und Chris stiegen in die Route „Zeit zum Fädeln“ (5+) ein. Der Rest der Crew bestieg noch in einer anspruchsvollen Wanderung den Gimpel (2173 m) und Jürgen, Christoph und ich suchten den Einstieg zur Route „Paradies“ (6+).

Dieses Unterfangen stellte sich als gar nicht so einfach heraus. Wir stiegen in eine Route ein, von der wir annahmen es sei „Paradies“. Kurze Zeit später mussten wir feststellen, dass der Routenverlauf nicht mit dem im Topo übereinstimmt. Na egal…macht ja  trotz Verwirrung beim Routenverlauf und Bohrhakengesuche Spaß, also weiter. So kletterten wir die gebohrte Route, von der wir annahmen es sei der Einstieg zu „Paradies“ und trafen nach 2 Seillängen auf „Zeit zum Fädeln“ und somit auf die andere Seilschaft.

Die erste Seillänge der Route, dessen Namen wir nicht kennen, stieg Jürgen vor, die zweite übernahm ich. Als ich mich mit der Situation konfrontiert sah, von dem Wandvorbau auf die dahinterliegende Wand in eine Verschneidung zu klettern, habe ich mich dann doch etwas gegruselt. Aber jeder kennt sie ja wohl, diese teilweise nicht gerechtfertigte Angst vorm Stürzen. Gut zu klettern war sie trotzdem, diese Seillänge, und ehe ich mich versah, fand ich mich am nächsten Standplatz bei Chris und Elvira wieder. Die beiden weiteren Seillängen wollte ich dann jedoch nicht mehr vorsteigen, da mir der Gruselfaktor zu hoch (hier waren die Hakenabstände dann doch ein wenig größer) und mein Fokus schon zu verbraucht war. Da wir als Dreierseilschaft unterwegs waren und noch die andere Dreierseilschaft vor uns hatten, kamen wir nur langsam voran und stiegen die letzte Seillänge auf, während sich die anderen schonwieder auf dem Weg nach unten befanden. Langsam wurde es dann etwas ungemütlich, da sich die Sonne nicht mehr blicken ließ. Deshalb war ich froh, als ich am Wandfuß in meine Fleecejacke schlüpfen und mich mit meiner Seilschaft Richtung Abendessen und Radler aufmachen konnte.

Was für ein guter Tag!

Nebel, Regen und GoreTex

Juhuuuu, Klettern!

Ah ne, doch nicht….

Ein Blick aus dem Fenster am Sonntag Morgen zerstörte diese Illusion. Es regnete! Es regnete viel! Mist!

Der Regen hielt uns zwar vom Klettern ab (obwohl wir noch überlegten die Klettersachen und Seile mitzunehmen, um dann wenigsten ein paar Routen im Klettergarten ziehen zu können), aber nicht davon rauszugehen und zu wandern, GoreTex sei Dank!

Wir machten uns auf zur Roten Flüh und bahnten uns unseren Weg über rutschigen Fels bis auf 2100 m. Von dort aus führte uns ein leichter Klettersteig (so leicht, dass kein Klettersteigset notwendig ist) weiter über den Grat. Am Ende dessen schließt sich der schwierigere Friedberg Klettersteig an. Da es aber einfach zu nass war, entschieden wir uns diesen nicht zu begehen sondern stiegen und fuhren durch Geröll ab. Hungrig  erreichten wir die Otto-Mayr-Hütte und ließen uns Kaiserschmarren, Suppe und Käsespätzle so richtig schmecken! Die Portionen waren so groß, das wir munter unser Essen untereinander tauschten.

Schon bald brachen wir wieder auf und stiegen 600 m über eine Scharte auf, um wieder auf die andere Seite des Grates zu gelangen. Nach dem Bestaunen einiger Klettermöglichkeiten, die uns für diesen Tag verwehrt blieben, rutschten wir über matschige Wege hinunter zum Gimpelhaus.

Nach diesem Tag lohnte es sich tatsächlich die Sachen in den Trockenraum zu hängen, sofern man noch einen Platz fand. Das Gimpelhaus war nämlich sehr voll und der arme Mensch, der für die Bedienung zuständig war, hoffnungslos gestresst.

Ich gönnte mir mit zwei weiteren Mädels erstmal eine Dusche. Auf dem Gimpelhaus gibt es eine Duschzeit von 4 Minuten! Viel zu lang für eine Person. Also duschten wir zu dritt. Das ist ohnehin mit viel mehr Spaß verbunden. Frisch geduscht ließen wir gemeinsam mit den anderen bei Holunderschorle (mein absolutes Lieblingsgetränk in den Bergen) den Tag ausklingen.

Schnee? Schnee!

Hoffnungsvoll erwarteten wir den nächsten Tag, an dem wir so gern Klettern wollten. Ein paar andere Seilschaften starteten trotz der eher ungünstigen Wetterprognose Richtung Fels. Nichtmal eine halbe Stunde später kehrten sie wieder zurück – es schneite, es schneite viel!

Uns blieb bei diesem Wetter nichts anderes übrig als abzusteigen. Beim ersten Schnee dieser Wintersaison und herrlich erfrischender Luft sprangen wir wie die jungen Gamsen nach unten, wünschten allen aufsteigenden Kletterwilligen viel Erfolg bei dem Schnee und freuten uns, dass unsere Rucksäcke von der Seilbahn nach unten verfrachtet werden – was für ein Luxus!

Um an diesem Tag doch noch die Unterarme zu strapazieren, machten wir Halt in der Kletterhalle in Neu-Ulm. Da es wieder Unmengen an Stau gab, dauerte es eine Weile, bis wir an unserem Zwischenstopp angelangten. Hier konnten wir alle nochmal kräftig Klettern. So verweilten wir einige Stunden in der Kletterhalle, die mit 20 Metern Höhe einiges an ausdauernden Routen zu bieten hat.

Sven, Jürgen und ich bildeten die Schlusslichter als es an die Heimfahrt ging. Wir trafen aber nochmals auf den Rest der Gruppe, da der Bus von Chris eine Reifenpanne hatte. So gesellten sich noch Noah und Katrin mit zu uns ins Auto, was zu einer wunderbar lustigen und kuscheligen Heimfahrt führte.

Alle, die wegen der Reifenpanne nicht mehr weiterfahren konnten, mussten noch eine weitere Zwischenstation mit Übernachtung einschieben und erreichten Erfurt mit einem Tag Verspätung.

Zurück bleibt nun die Freude über das Erlebte, auch wenn wir nur an einem Tag alpine Kletterrouten begehen konnten.

Can´t wait for the next climbing season!

Berg frei

Maria

 

 

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