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Weisskugel - eine Hochtour zwischen Hitze, Gletschern und guten Entscheidungen

Zehn motivierte Bergsteigerinnen und Bergsteiger, zwei Seilschaften und ein ambitioniertes Ziel: die Weißkugel (3738 m). Was als klassische Hochtour geplant war, entwickelte sich schnell zu einer lehrreichen Mischung aus alpiner Realität, Teamgeist und der Erkenntnis, dass ein Gipfel nicht alles ist. Die Gruppe: Jens (Tourenleiter), Steffen, Christian, Lena, Kurtis, Silke, Markus, Lars, Jörg, Mila

Tag 1: Hitzeschlacht und kalte Erkenntnisse
Der Auftakt in Melag hatte es in sich: knapp 40 Grad im Tal – nicht unbedingt das, was man sich unter einem Gletscherwochenende vorstellt. Entsprechend groß war die Freude, als sich einige aus der Gruppe kurzerhand eine Abkühlung in einem Bergsee gönnten. Eine Entscheidung, die spätestens beim Weiteraufstieg alle neidvoll zur Kenntnis nahmen.
Der Weg zur Weißkugelhütte (2557 m) war schweißtreibend, die Stimmung aber bestens. Oben angekommen erwartete uns eine urige, kleine Hütte – gemütlich, charmant und mit genau einer Dusche und Toilette für alle. Das schweißt zusammen. Geplant waren am Nachmittag noch Gletscherübungen. In der Praxis wurde daraus eher eine Mischung aus „Einstieg suchen“ und „Entsetzen über den Gletscherrückgang“. Der Langtauferer Ferner hat sich deutlich zurückgezogen, viel blankes Eis und Schmelzwasser machten die Sache komplexer als gedacht.
Am Abend sorgte die Hüttenwirtin dann für Klarheit: Die Bedingungen seien anspruchsvoll, die klassische Route zunehmend heikel – Steinschlag, brüchiger Fels und kaum Möglichkeiten zur Absicherung am Grat. Was folgte, war eine intensive Diskussionsrunde: Weißkugel oder Alternativziel? Zweite Hütte streichen? Mehr Sicherheit oder mehr Abenteuer? Am Ende fiel die Entscheidung typisch DAV: ambitioniert, aber flexibel. Wir versuchen die Weißkugel – behalten uns aber jederzeit einen sicheren Plan B vor.
Kulinarisch wurde der Abend übrigens ebenfalls spannend: Nach einer überraschend üppigen Nudel-Vorspeise keimte kurz die Sorge auf, das sei bereits das Hauptgericht gewesen. Fehlalarm – es folgten noch Hauptgang und Nachspeise. Moral gerettet.

Tag 2: Früher Start, lange Strecke und eine kluge Entscheidung
Die Nacht war kurz. Sehr kurz. 22:00 Uhr ins Bett, 03:00 Uhr wieder raus, Start um 04:00 Uhr.
Der Grund: Hitze, Tourenlänge (10–12 Stunden laut Hüttenwirtin) und die Ungewissheit über die Bedingungen.
Der Aufstieg begann zunächst harmlos, entwickelte sich aber schnell zur echten Hochtour: Blankeis am Langtauferer Ferner, später Firnfelder, in denen man durch die Wärme auch mal bis zum Knie einsank. Dazu rund acht Stunden Gletscherkontakt, kombiniert mit anspruchsvollen Felsstellen – teilweise brüchig und kaum absicherbar. Hier zeigte sich die Stärke der Gruppe: Erfahrene Teilnehmer unterstützten weniger routinierte, Entscheidungen wurden gemeinsam getragen, und das Tempo blieb konstant. Auf etwa 3440 m Höhe – der Gipfel sichtbar, aber noch rund 300 Höhenmeter entfernt – kam der entscheidende Moment. Dunkle Wolken türmten sich von allen Seiten auf, es war bereits 11:00 Uhr, und eine entgegenkommende Seilschaft mit Bergführer schätzte weitere fünf Stunden bis Gipfel und zurück zu unserem Standort. Die Rechnung war einfach: Risiko hoch, Zeit knapp, Gewitter im Anmarsch. Also fiel die vielleicht wichtigste Entscheidung der Tour: Abstieg ohne Gipfel.
Ein gemeinsames Foto vor der Weißkugel musste als „Gipfelnachweis“ reichen – der Berg zum Greifen nah und doch unerreicht. Der Abstieg zur Oberetteshütte (2670 m) hatte es dann noch einmal in sich. Unerwartete Gegenanstiege, müde Beine und insgesamt zehn Stunden unterwegs forderten ihren Tribut. Auf dem Blankeis des Matscher Ferners nahmen wir uns bewusst Zeit, den Hochtouren-Unerfahreneren den praktischen Einsatz der Eisschraube bis hin zu Eissanduhr zu zeigen. Am Ende standen rund 1200 Höhenmeter Aufstieg und 1100 Abstieg in den Büchern – und ein deutlich spürbares „Wir haben heute gearbeitet“. Dafür schmeckten das wohlverdiente Bier und ein kühles Skiwasser auf der Oberetteshütte umso besser. In sicherer Umgebung warteten wir gespannt auf das angekündigte Gewitter, das sich schließlich eindrucksvoll entlud: Mit Blitz und Donner gingen rund ein Zentimeter große Hagelkörner nieder – ein Naturschauspiel, das wir lieber von drinnen als vom Gipfel aus erlebten.

Tag 3: Abstieg und Ausblick
Am Sonntag ging es nach einem wohlverdienten Frühstück um 09:00 Uhr Richtung Glieshof. Bei bestem Wetter und mit dem Ziel vor Augen – der um 11:00 Uhr organisierte Bustransfer wartete – wurde zügig abgestiegen.
Nach kurzer Fahrt waren wir wieder zurück in Melag – körperlich müde, aber mental zufrieden.

Fazit: Kein Gipfel, aber alles, was zählt. Auch wenn die Weißkugel diesmal nicht bestiegen wurde, war die Tour ein voller Erfolg:
•Anspruchsvolle Bedingungen realistisch eingeschätzt
•Als Gruppe verantwortungsvoll entschieden
•Neue Kontakte geknüpft und bestehende vertieft
•Und ganz nebenbei wertvolle alpine Erfahrung gesammelt
Denn am Ende gilt: Der Berg läuft nicht weg – aber gute Entscheidungen bleiben. Und wer weiß: Vielleicht steht die Weißkugel ja schon bald wieder auf dem Tourenplan.

Bericht und Foto: Milana Evsikova